Stellungnahme des Verbands Deutscher Kunst­historiker e.V. zum geplanten Kulturgutschutz­gesetz


Herrn
Dr. Günter Winands
Ministerialdirektor
Staatssekretär a.D.

07.Oktober 2015

Sehr geehrter Herr Dr. Winands,

im Namen des Verbands Deutscher Kunsthistoriker e.V. möchte ich hiermit die Gele­gen­heit nutzen, zum Referentenentwurf zur Neuregelung des Kulturgutschutzgesetzes Stellung zu nehmen.

Grundsätzlich begrüßt der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. die Initiative der Kul­turstaatsministerin Frau Prof. Monika Grütters, das bestehende Kulturgutschutzgesetz in Hinblick auf die Bedingungen für eine Ein- und Ausfuhr von Kulturgut zu präzisieren.

Hierbei ist jedoch zu anzumerken, dass eine wissenschaftliche Debatte über die be­troffenen Einzelobjekte, Objektgruppen oder Sammlungskategorien, die als „national wertvolles Kulturgut“ zu bezeichnen wären, nicht abschließend geführt wurde. Es wird daher notwendig sein, dass die Ministerin im Zuge des weiteren Verfahrens die be­ra­tende Fachkompetenz der deutschen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker weit­aus stärker in die Prozesse mit einbezieht, um auf diesem Wege Missverständnissen und etwaigen Fehleinschätzungen in der Zukunft vorbeugen zu können. Da die Ver­mitt­lung der elementaren Rolle und der identitätsstiftenden Funktion von Kunst und Kultur für eine Gesellschaft zu den zentralen Aufgaben der Kunsthistorikerinnen und Kunst­historiker gehört, werden die praktische Umsetzung des Kulturgutschutzgesetzes und sei­ne grundsätzliche Akzeptanz wesentlich davon abhängen, inwieweit Verantwortung für unser bewegliches materielles Erbe als öffentliches Interesse nicht nur rechtlich, son­dern auch als Aufgabe des einzelnen Staatsbürgers anerkannt und übernommen wer­den wird.

Ferner erachten wir es für unabdingbar notwendig, dass der Bund bei der Besetzung seines Platzes in den beratenden Fachgremien der Sachverständigenausschüsse der Länder auf die Fachkompetenz des Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. mit seinen über 3000 Mitgliedern zurückgreift.

Da mit dem Erlass der Neuregelung des Kulturgüterschutzgesetzes zu erwarten ist, dass der Bedarf an Fachexpertisen in Hinblick auf Echtheit und Provenienz exorbitant an­steigen wird, sieht sich der Berufsstand der deutschen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in naher Zukunft vor eine große Herausforderung gestellt. Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. fordert daher die Schaffung von entsprechenden Struk­tu­ren im Einvernehmen mit den beteiligten Fachexperten. Für die zukünftig anfallenden Provenienzrecherchen ist in ausreichendem Maße, analog der Unterstützung von öf­fent­lichen Einrichtungen, die Tätigkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu finanzieren, die im Kontext der gesetzlichen Bestimmungen für private Sammler bzw. den Kunstmarkt tätig werden. Wir möchten in diesem Zusammenhang darauf hin­wei­sen, dass die Zahl der an Museen fest angestellten Provenienzforscherinnen und Pro­venienzforscher für die Bundesrepublik Deutschland nicht einmal die Zahl von zehn Stel­len erreicht. Das ist angesichts der Wichtigkeit des Themas der Provenienz­for­schung eine geradezu skandalös niedrige Zahl.

Auch wenn in dem uns vorliegenden Entwurf die Wichtigkeit des privaten Sammelns be­reits hervorgehoben ist, möchten wir an dieser Stelle nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, dass insbesondere die Zusammenarbeit von Sammlern, Kunsthandel und Museen es in der Regel erst ermöglicht hat, für öffentliche Sammlungen, wie Museen sie darstellen, wichtige Neuzugänge zu erwerben. So konnten beispielsweise zahl­rei­che der mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder erworbene Objekte für öffent­li­che Sammlungen nur durch die angesprochene enge Zusammenarbeit von Museen mit dem Kunsthandel und oftmals auch mit privaten Sammlern erworben werden. Es ist daher unbedingt darauf zu achten, dass dieses durchaus sensible Geflecht aus Samm­lern, Kunsthändlern und Museen unbeschadet bestehen bleibt. Weiterhin ist anzustreben, dass privaten Sammlern, die nicht in der Lage sind, in ihrem Besitz be­find­liche Objekte nationalen Kulturgutes zu unterhalten und zu renovieren, finanzielle Un­terstützung für die Durchführung solcher Maßnahmen zukommt. Es sollte im Ideal­fall ein Ansporn für private Sammler sein, von sich aus die ihnen gehörenden Objekte als nationales Kulturgut deklarieren zu lassen, weniger eine gesetzliche Verpflichtung. Nur durch den Einbezug und die Berücksichtigung des privaten Sammelns ist es letzt­lich möglich, das nationale Kulturerbe in Form von Objekten möglichst umfassend kom­menden Generationen zu übermitteln. Für diese Aufgabe sind nicht nur, wie es oft­mals falsch dargestellt wird, die öffentlich-musealen Sammlungen zuständig, sondern auch die zahlreichen nichtöffentlichen oder nur teilweise öffentlichen Privatsammlun­gen.

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e. V. schließt sich ferner der Forderung des Deut­schen Kulturrates an, dass in die Liste der für Deutschland bedeutsamen Kultur­güter auch „Objekte aus dem gestalterischen Bereich“ aufzunehmen sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. Kilian Heck

Erster Vorsitzender
Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.