Fachforum Graphik

Das Forum „Graphik“ des 29. Kunsthistorikertages in Regensburg verabschiedete folgendes Memorandum zur Lage der Graphischen Kabinette in Deutschland, das auf die vielfach dramatisch sich verschlechternden Arbeitsbedingungen in diesem Sektor aufmerksam macht:

Memorandum:
Status und Aufgaben der Graphischen Sammlungen

Der 29. Kunsthistorikertag 2007 in Regensburg hat den graphischen Künsten erstmals eine eigene Sektion gewidmet. Er erscheint deshalb als geeignetes Forum, um öffentlich auf die Bedeutung, die Ziele und die aktuelle Situation der Graphischen Sammlungen in Deutschland hinzuweisen, wie sie sich in einer Umfrage des Jahres 2006 darstellt. Dieses Memorandum soll nicht nur die wissenschaftliche Fachwelt für die Belange der Graphischen Sammlungen sensibilisieren, sondern auch Politik und Öffentlichkeit auf Spezifika dieser öffentlichen Kunstsammlungen sowie auf alarmierende Notstände aufmerksam machen.

Situation und Charakter der Graphiksammlungen

Die historisch gewachsene deutsche Museumslandschaft ist - im internationalen Vergleich - besonders reich an Graphischen Sammlungen. Das Spektrum der rund 100 Sammlungen reicht von den großen Kupferstichkabinetten in Berlin, Dresden oder München mit Beständen von bis zu 700.000 Blättern bis hin zu kleineren Spezialsammlungen und solchen von eher regionaler oder lokaler Bedeutung. Zusammen bewahren sie einen Fundus von fast 1.000.000 Zeichnungen, über 5.000.000 Blatt Druckgraphik und über 7.000.000 Photographien. Mit ihrem jeweiligen Profil und Auftrag verkörpern sie eine besondere Form von Kunstsammlungen, die zugleich das historische Bildgedächtnis vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart bewahren und vermitteln. Die Bedingungen der Graphiksammlungen unterscheiden sich von Gemäldegalerien besonders durch die Betreuung zahlenmäßig wesentlich umfangreicherer Bestände und durch völlig unterschiedliche konservatorische Bedingungen. Diese äußeren Merkmale bedingen auch besondere Zugangsweisen für den Besucher sowie spezifische Formen der Vermittlung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erschließung.

Nicht nur der zahlenmäßige Umfang der Bestände, sondern auch die mediale Vielfalt stellt hohe Ansprüche an die personelle Ausstattung der Sammlungen: Zeichnungen dokumentieren auf unmittelbare Weise die Stadien der Werkgenese in den verschiedensten Kunstgattungen und verlangen ein hohes Maß an kennerschaftlicher Expertise. Ihre vielfältigen Funktionen und Techniken machten die Druckgraphik seit der Neuzeit zum Leitmedium bildlicher Kommunikation. Von der autonomen Künstlergraphik über Andachtsblätter, Porträts, Ereignisberichte, politische und religiöse Bildpublizistik, Topographie, naturwissenschaftliche Illustration, Reproduktionsgraphik, illustrierte Bücher reicht das Spektrum der Sammlungen bis zu den modernen Ausprägungen der Gebrauchsgraphik im Plakat und Graphic Design, auch unter Einschluß der Fotografie. Gedruckte oder gezeichnete Kunst auf Papier bietet - als eine Art „Universalarchiv“ (Leibniz) - außerordentlich vielfältige Erkenntnisräume. Nicht zuletzt erzielen diese Werke momentan extreme Preise auf dem Kunstmarkt.

Graphische Sammlungen stehen im nationalen und internationalen Austausch, sei es durch die Bereitstellung von Bildmaterial, Ausstellungsbeteiligungen, Unterstützung oder Initiierung kunsthistorischer Forschungen. Gebunden an das empfindliche Material Papier mit seinen besonderen konservatorischen Anforderungen ist deshalb für die Betreuung der Sammlung ausreichendes, speziell geschultes und erfahrenes Fachpersonal erforderlich. Als Faustregel galt einmal, dass für jeweils 50.000 Blatt eine Wissenschaftlerstelle ausgewiesen sein sollte.

Ergebnisse der Umfrage

Auf Anregung und Beschluß der Leiter und Leiterinnen Graphischer Sammlungen erging im Jahr 2006 eine Umfrage an 62 deutsche, 8 schweizer und österreichische Graphiksammlungen (www.graphischesammlungen.de). Gefragt wurde nach Umfang, personeller und räumlicher Ausstattung der Sammlungen. Der Rücklauf (57 Antworten) ergab, dass der genannte Stellenschlüssel erwartungsgemäß nur in wenigen Fällen erreicht wurde. Alarmierend war jedoch eine fortschreitende Tendenz zu empfindlichen Stellenstreichungen seit 1990. Dies betrifft große Kupferstichkabinette ebenso wie auch kleinere Graphiksammlungen (insgesamt 15 Sammlungen): Altenburg (Lindenau-Museum), Augsburg (Deutsche Barockgalerie / Graphische Sammlung), Berlin (Akademie der Künste, SMB Kupferstichkabinett Staatl. Museen zu Berlin, Stiftung Stadtmuseum Berlin), Bielefeld (Kunsthalle), Dessau (Anhaltische Gemäldegalerie), Dresden (Kupferstich-Kabinett), Heidelberg (Kurpfälzisches Museum), München (Staatl. Graphische Sammlung), Nürnberg (Germanisches Nationalmuseum und Museen der Stadt Nürnberg), Stuttgart (Graphische Sammlung Staatsgalerie Stuttgart: z.Zt. noch unklar, was mit der Leitungsstelle passieren wird), Würzburg (Mainfränkisches Museum), Zwickau (Städt. Museen).

Weitere Streichungen bahnen sich derzeit bei bevorstehenden Ruheständen und Änderungen der Trägerschaft an.
Erfreuliche Stellenzuwächse waren nur in Berlin(Kunstbibliothek), Leipzig (Museum der Bildenden Künste), Reutlingen (Städt. Kunstmuseum) und Saarbrücken (Saarland Museum) zu verzeichnen.

Insgesamt hatten im Jahr 2006 von 55 Graphischen Sammlungen 38 Häuser eigene Restauratoren. Einige Papierrestauratoren müssen jedoch auch andere Häuser mit versorgen. Extrem ist die Situation in Düsseldorf, wo ein Restaurator für elf Sammlungen zuständig ist. Teilweise werden Restaurierungsaufträge nach außen vergeben.
Bezüglich der sonstigen Stellen ist zu vermerken, daß sich die Graphischen Sammlungen auf sehr dünnem Eis bewegen, da viele Aufgaben lediglich mit Hilfskräften bzw. mit halben Sekretariatsstellen bewältigt werden.

Die Erhebung hat nicht nur die vereinigungsbedingten Stelleneinbußen in Berlin dokumentiert, sondern eine allgemeine, anhaltende Tendenz sichtbar gemacht. Über vollzogene Stellenstreichungen hinaus herrscht Unklarheit über die Wiederbesetzung von Stellen nach bevorstehenden Pensionierungen. Den Stelleneinsparungen bei Wissenschaftlern, Restauratoren und technischen Mitarbeitern steht andererseits eine wachsende Nachfrage nach Ausstellungen und öffentlich wirksamen Aktivitäten gegenüber. Insgesamt zeigt sich, daß durch zunehmende Event-Veranstaltungen, kontinuierlich wichtige Arbeiten am Bestand zurückgestellt werden müssen. Ebenso ist partiell ein schleichender Rückzug der jeweiligen Träger aus der Verantwortung gegenüber ihren großen, wertvollen Beständen zu verzeichnen.

Erhoben wurde darüber hinaus der quantitative Umfang von Zeichnungen, Druckgraphik und fotografischen Beständen, ebenso wurde nach der Existenz eines Studiensaales gefragt. Von den deutschen Graphiksammlungen besitzen über die Hälfte einen Studiensaal (37 Sammlungen). Hinzu kommen im Jahr 2007 zwei neueingerichtete Studiensäle (Museum Morsbroich Leverkusen, Kunsthaus Zürich).

Öffnungszeiten und Zugänglichkeit für Besucher

Da die reichen Graphiksammlungsräume als Magazinräume nicht direkt für ein größeres Publikum zugänglich sein können werden dem interessierten Kunstbetrachter, dem Fachpublikum oder dem Spezialisten Originale seiner Wahl im Studiensaal zur Verfügung gestellt. Die Benutzung der reichen Bestände von Graphiksammlungen ist denjenigen einer Bibliothek vergleichbar: neben den regelmäßigen Öffnungszeiten der Studiensäle mit der kompetenten, fachlichen Betreuung bei der Vorlage von graphischen Blättern eröffnen sich zunehmend Teile dieser Bestände über einen ersten digitalen Zugriff der interessierten Benutzer. Die Funktion des Studiensaales erlaubt größtmögliche Nähe zum Original und dessen intensives Studium.

Studiensäle sind eine lang bewährte Weise, Besucher aller Art den Zugang zu wertvollen Originalen zu ermöglichen, um Forschung zu betreiben, Informationen zu verifizieren oder sich eingehender mit Werken seiner Wahl auseinander zu setzen. Dieser Zugang bietet in besonderer Weise ein authentisches Kunsterlebnis. Gleichzeitig ist dies der Ort der Pflege einer Kulturtechnik im Umgang mit dem Original. Diese Kulturtechnik ist eine besondere Errungenschaft europäischer Tradition im Umgang und der Wahrnehmung des individuellen bildkünstlerischen Werkes. Die in den Graphiksammlungen / Kupferstichkabinetten anhand von Graphiken erfahrbaren Bildkompetenzen sind nach wie vor Basis für einen kritischen und kreativen Umgang mit zeitgenössischen Bildmedien, deren Vorläufer die europäische Graphiktradition darstellt.

Nicht zuletzt vermitteln Wechselausstellungen der Graphischen Sammlungen verschiedenartige Themen und die spezifische Art der Wahrnehmung der Kunst auf Papier.

Wissenschaftliche Aufgaben

Graphiksammlungen sind in besonderer Weise mit der historisch-kritischen Kunstgeschichte verbunden, die in den 1910er und 1920er Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte. Wichtige Impulse der Kunstgeschichte gingen entweder mit Tätigkeiten an Graphischen Sammlungen einher oder wurden von diesen initiiert, wie die Erschließung und Neubewertung zahlreicher Ouevre gerade des 15. und 16. Jahrhunderts (Meister ES, Martin Schongauer, Albrecht Dürer, Nürnberger Kleinmeister), deren Einordnung in kulturhistorische Kontexte oder die Öffnung neuer Fragestellungen. Hierzu gehören u.a. eine sich jüngst intensivierende Forschung zu spätmittelalterlichen Bildformen (Einblattholzschnitt, Metallschnitt, Kupferstich, mit herausragenden älteren Publikationen von P. Heitz, W. L. Schreiber und M. Geisberg bzw. M. Lehrs), aber auch Fragen der Intermedialität und deren Bedeutung für die Ausprägung visueller Formen spielen eine große Rolle. Auch ist die Beschäftigung und das Sammeln von künstlerischer Fotografie eine frühe Innovation der Graphiksammlungen gewesen, wie das Beispiel des Kupferstichkabinettes in Dresden bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts wegweisend deutlich gemacht hat.

Gerade deutschsprachige Sammlungen haben international immer eine bedeutende Rolle gespielt und sind zumindest im Moment auch weiterhin führend, indem verstärkt thematisch geschlossene Bestandsgruppen und künstlerische Werke wissenschaftlich aufgearbeitet, erschlossen und in digitalen Medien präsentiert und damit für eine weite Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden (z. B.: Architekturzeichnungen der Graphischen Sammlung MHK Kassel, oder digitale Ausstellungskataloge der Graphischen Sammlung Staatsgalerie Stuttgart). Auch ist in den letzten Jahren eine verstärkte Aufarbeitung von Handzeichnungsbeständen zu verzeichnen, die häufig im Rahmen von Drittmittelprojekten geleistet wird (u.a. Kupferstichkabinett Kunsthalle Hamburg, Städt. Kunstsammlungen Görlitz ). Die sorgfältige Klassifizierung und Identifizierung eines Kunstwerkes auf Papier oder eines Druckzustandes ist nicht zuletzt Basis für eine Taxierung des jeweiligen Wertes und Ranges eines Objektes in öffentlichem Besitz.

Bildungsaufgaben

Graphiksammlungen sind wichtige Orte visueller Erkenntnis und Erfahrung. Dieses Bewußtsein scheint im Zeitalter der modernen Massenkultur und unter dem Primat der Ökonomie ins Wanken zu geraten. Umso bedeutsamer ist es, auf die spezifischen Kompetenzen der in den Graphiksammlungen Tätigen hinzuweisen. Ästhetische Bildung im kunsthistorischen und kulturhistorischen Kontext wird durch zahlreiche Aktivitäten - einschließlich Wechselausstellungen - vermittelt. Dabei spielt die Schulung des Auges und die Seherfahrung vor Originalen eine besondere Rolle. Über innovative neue Vermittlungsformen wird derzeit in vielen Graphikkabinetten nachgedacht und teilweise auch bereits erprobt. Diese zielen nicht zuletzt auf die Schärfung visueller Urteilskraft und Kritikfähigkeit im Medienzeitalter.

Konsequenzen

Originale Werke auf Papier - als Medien signifikanter Wissensformen und relevanter künstlerischer Positionen - sind wissenschaftlich und konservatorisch in ihrer Ganzheit weiter zu pflegen und verschiedenen Aufgaben zur Verfügung zu stellen, auch wenn Digitalisate als Hilfsmittel vorhanden sind. Leitlinie sollte dabei die Respektierung gewachsener Sammlungen sowie der Respekt vor den Originalen sein, die an nach-folgende Generationen weiterzugeben und zu vermitteln sind. Graphische Sammlungen dürfen keine ruhenden Archive sein, dies gebietet nicht zuletzt der vorhandene vitale Kontakt zu Stiftern und die Verpflichtung zur Pflege und Aufarbeitung zahlreicher Stiftungen.

Parallel zu den beschriebenen Punkten sind weiterführende Überlegungen zur Vermittlung dieses historisch-kritischen „Bildwissens“ des Mediums Graphik an die nachwachsende Generation in Schulen und Universitäten dringend notwendig, auch wenn punktuell an einzelnen Universitäten Graphikthemen Teil der Lehre sind. Gerade im Kontext der universitären Ausbildung sollte die Vermittlung kunsthistorischen Fachwissens anhand von Originalen sowie zu spezifischen Fragen des Kunstwerkes auf Papier intensiviert werden. Dabei sollte das Original als Quelle in seiner Materialität, Zustand, künstlerischem Eigenwert, spezifischer Grammatik, inhaltlichen Bedeutungsebenen und Funktionen ernst genommen werden.

Ebenso muß kritisch angemerkt werden, daß wichtige Forschungsergebnisse zu den graphischen Künsten, die besonders in der angloamerikanischen Forschung seit Jahrzehnten veröffentlicht werden (u.a. in: Print Quarterly), von der erweiterten Fachöffentlichkeit in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen werden. Darin dokumentiert sich nicht zuletzt eine Distanz zum unmittelbaren Umgang mit dieser Art von Kunst, aber auch der Verlust einer selbstverständlichen Tradition und Haltung gegenüber den graphischen Künsten.

Vor diesem Hintergrund wird die Universität Tübingen in ihrem ‚Master-Studiengang Kunstgeschichte’ ab Wintersemester 2007/8 ein praxisorientiertes Ausbildungsmodul „Kunst auf Papier“ einrichten und im Jahr 2009 wird das „Jahr der Graphik“ durch verschiedene öffentlichkeitswirksame Aktivitäten der Graphischen Sammlungen begangen werden!

Die durch die elektronischen Medien hervorgerufene Bilderflut läßt weitere Überlegungen zur Zukunft der Graphikvermittlung als besonders aktuell erscheinen, auch wenn bei der Digitalisierung der Bestände Graphische Sammlungen eine Vorreiterrolle übernommen haben und die Besucherfrequenz der Studiensäle stark angestiegen ist, besonders deutlich in großen Sammlungen wie etwa Berlin, Dresden, Nürnberg oder Stuttgart. Kunstwerke auf Papier bieten Kunsterlebnisse und Erkenntnisräume ganz eigener Art, deren Werte und Sinnstrukturen nur durch Fortführung wissenschaftlich kunsthistorischer Arbeit anhand der Originale an nächste Generationen übersetzt werden können.

Leitaspekte für die Zukunft

Zum Erhalt der Kernaufgaben des Bewahrens, Erforschens und Vermittelns sowie zur Erfüllung der zusätzlichen Aufgaben sind notwendig:

  • eine realistische Ausstattung mit wissenschaftlichem und technischem Personal
  • erweiterte Forschungszeiten zur Bestandsarbeit, als Grundlage der Vermittlung auf unterschiedlichen Anspruchniveaus
  • Weiterführung der Veröffentlichung von Beständen
  • Erhalt regelmäßiger Öffnungszeiten der Studiensäle
  • Erprobung neuer Wege der Graphikvermittlung im digitalen Zeitalter
  • Anerkennung der Fachkompetenzen der in Graphiksammlungen ausgebildeten bzw. dort tätigen Kunsthistoriker zur Bewahrungund gesellschaftlichen Nutzung des kulturellen Erbes der Graphiksammlungen
  • regelmäßige finanzielle Ausstattung zur sachgerechten Durchführung von konservatorischen Maßnahmen

Fachinterne Ziele:

  • Intensivierung der Kommunikation mit der erweiterten kunsthistorischen Fachwelt
  • Impulse zur Erweiterung der eigenen Graphik - Öffentlichkeit
  • Regelmäßige Präsenz der deutschsprachigen Graphikforschung. Als eigener Beitrag kann hier das Netzwerk der Graphiksammlungsleiter/Leiterinnen stärker agieren. Intensivere zukünftige Nutzung des bereits existierenden servers im Internet als Forum des Austauschs:

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