Offener Brief zur dringenden Erhaltung des Kavaliershauses in Gotha  

Der Erste Vorsitzende und der Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege im Vor­stand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. haben am 11.05.2017 einen offe­nen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Gotha Herrn Knut Kreuch hinsichtlich des drohenden Abrisses des denkmalgeschützten Kavaliers­hauses in Gotha ge­schickt. Eine Kopie wurde auch an die im Gothaer Stadtrat vertretenen Fraktionen gesendet. Wir hoffen, dass eine unmittelbare Einstellung der Abrissarbeiten seitens der zuständigen Bauverwaltung noch möglich ist..



Herrn Oberbürgermeister
Knut Kreuch
Historisches Rathaus
Hauptmarkt 1
99867 Gotha

Datum: 11.05.2017

Prinzenpalais-Ensemble, hier: dringende Erhaltung des Kavaliershauses

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

der Verband Deutscher Kunsthistoriker, der Berufs- und Fachverband von 3300 Kunst­historikerin­nen und Kunsthistorikern in Deutschland, wendet sich heute in Form eines Offenen Briefes an Sie. Uns bewegt der drohende Abriss des denkmalgeschützten Ka­valiershauses in Gotha. Wir bitten Sie dringend, dass Sie sich für die Erhaltung und denk­malgerechte Weiterentwicklung dieses Baus einsetzen und dass die Stadt Gotha die hierfür geeigneten Maßnahmen ergreift. Bitte zeigen Sie durch kurzfristiges und be­herztes Handeln und Ihr Einwirken auf die AWO als neuer Eigentümerin, dass denk­malgeschützte Bauten in der Stadt Gotha respektvoll behandelt und als Chance für die Entwicklung der Stadt angemessen gewürdigt werden.

Das Kavaliershaus ist gut erhalten und intakt. Es gehört zum Kulturerbe der Stadt. Ohne das Kava­liershaus ist das Prinzenpalais weder typologisch noch gestalterisch ver­ständlich. Die Neubauplä­ne für das Grundstück können in gestalterischer Hinsicht in keiner Weise überzeugen. Weder grei­fen sie Merkmale regionaler Baukultur auf, noch zeigen sie einen Respekt vor der benachbarten Bausubstanz und eine qua­lität­volle Weiterentwicklung des Stadtbildes. Auch als bewusster, ni­veauvoller Kontrast zur historischen Substanz können sie kaum bewertet werden.

Baugeschichte und kulturhistorische Bedeutung des Prinzenpalais-Ensembles sind gut erforscht. Es sei in diesem Zusammenhang insbesondere darauf hingewiesen, dass das Prinzenpalais selber einer der frühesten Bauten in Deutschland ist, der von klassizistischen Formen geprägt ist und den Wandel der Stilauffassung im letzten Drit­tel des 18. Jahrhunderts veranschaulicht. Verschie­dene im 18. und 19. Jahrhundert er­folgte Zu- und Anbauten dokumentieren das Baugeschehen im Umfeld des Hofes als Ausdruck der Sozial- und Kulturgeschichte. Das Kavaliershaus, 1790 durch den Bau­meister Carl Christoph Besser errichtet, steht hierbei nicht nur beispielhaft für das Bau­­geschehen der herzoglichen Familie, sondern auch beispielhaft für die Beher­ber­gung von Gästen aufgrund eines regen zeremoniellen und kulturellen Lebens am Hof. Für den Ensemblecharakter und die unbedingte Zugehörigkeit zum Palais spricht auch die insgesamt zurückhaltende Erschei­nung des Kavaliershauses, da dieses sich ent­sprechend der gebotenen Hierarchie gegenüber dem Hauptgebäude gestalterisch zu­rückzunehmen hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das Kavaliershaus eine mehrfach wechselhafte Ei­gen­tums- und Nutzungsgeschichte. Festgehalten werden kann, dass weder die Nut­zung für Handwerkerwohnun­gen nach 1919, durch die SS ab 1933 und als Jugend­her­berge nach 1958 die Bausubstanz nennens­wert verändert haben. Eingezogene Zwi­schen­wände und die zugesetzte Enfilade sind als Zeit­schichten des Gebäudes ein­zu­stufen, die sicht- und ablesbar die lange Nutzung dokumentieren. Bemerkenswert ist die Unterschutzstellung nach dem Denkmalpflegegesetz der DDR, die 1975 er­folgte. Dieses Jahr wurde in ganz Europa als Europäisches Denkmalschutzjahr unter dem Motto "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" gefeiert. Obwohl sich die DDR nicht an diesem Programm beteiligte, veranschaulicht das in diesem Jahr in Kraft getretene Gesetz, dass auch in der DDR das unübersehbare Bewusstsein und die Wertschät­zung für historische Bausubstanz präsent und le­bendig war.

Wir wünschen uns auch für die Gegenwart eine Wertschätzung historischer Bauten, welche Um- und Neunutzung von Denkmalen als Chance begreift und historisches Erbe für die Zukunft ertüch­tigt. Dies entspricht ganz dem Geiste des Deutschen Prei­ses für Denkmalschutz, mit dessen Sil­berner Halbkugel Sie, sehr geehrter Herr Ober­bürgermeister, ausgezeichnet wurden.

Wir stehen für das Gespräch mit Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Kilian Heck
(Erster Vorsitzender)

 

Dr. Martin Bredenbeck
(Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege)

 

 

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