Nachruf Prof. Dr. Dr. h. c. Willibald Sauerländer

Wer auf der Trauerfeier am 27. April 2018 Willibald Sauerländers Photographie vor sich sah, blickte in ein skeptisches, selbstkritisches, aber auch in ein Vertrauen erwecken­des, sein Gegenüber achtendes Antlitz. Diese Qualitäten sind wohl jedem begegnet, der mit dem Verstorbenen zu tun hatte und ihn als herausragenden Forscher und Hoch­schullehrer, als Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte oder als Publi­zisten erlebte. Sie zeichnen auch den 1. Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Kunst­historiker aus, doch erscheint er in dieser Position eher als ein Leidender denn als ein Handelnder. Mit Willibald Sauerländer, der in unruhigen Zeiten den Verband leitete, war auf dem Konstanzer Kunsthistorikertag 1972 (gegen Werner Hofmann) eine Persön­lichkeit angetreten, die damals der konservativen Fraktion zugerechnet wurde – eine Zuordnung, die sich als weitaus zu eng erwies, um Sauerländers Haltung zu würdigen. Gewiss, es war eine emotional aufgeladene Situation, an die sich jeder, der dabei war, erinnern wird, als sei es gestern gewesen. „Im Mittelalter hieß es, Dieu le veut, wenn man einen Krieg herbeiführen wollte, in der Revolution Le Peuple le veut, und heute sagt man, die Gesellschaft will es so haben“, hallten seine gegen die „Linke“ gerich­te­ten Worte durch den Raum. Die Jüngeren wollten Gespräche auf Augenhöhe, wollten gar das Fach neu definieren, nicht nur Stilgeschichte und Ikonologie betreiben, son­dern gegensätzliche Lehrmeinungen auf ihre außerfachlichen Ursachen zurückführen, kurz sie wollten in der Geschichte der Kunst vorrangig die Geschichte mit all ihrem Konfliktpotential ausloten. Zu diesem Zweck hatte sich wenige Jahre vorher (1968) der „Ulmer Verein für Kunst- und Kulturwissenschaften“ konstituiert, der zusammen mit der Kunsthistorischen Studentenkonferenz in Konstanz erstmals ein Alternativprogramm durchführte.

Die Tagesordnung der Konstanzer Mitgliederversammlung spricht Bände. Da gab es Anträge auf Öffentlichkeit der Sitzung, auf Änderung im Modus der Gutachterwahl des Verbandes für die DFG, bis hin zu dem Antrag, eine Organisation von Kunsthistorikern in den Gewerkschaften ins Auge zu fassen und schließlich, gegen den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz über „Grundsätze zur Frage der verfassungsfeindlichen Kräfte im öffentlichen Dienst“ zu protestieren. Alles wurde abgelehnt oder verschoben, teilweise nur mit äußerst knapper Mehrheit, so wie auch Sauerländer nur mit der Mehr­heit von einer einzigen Stimme gewählt wurde (101:100). Am Ende wurde die Ver­samm­lung abgebrochen.

Mitten in der Diskussion, der Unterzeichnete hatte sich gerade zu Wort gemeldet, ver­ließ dessen ehemaliger Doktorvater den Raum, um ihm hinterher mit knappen Worten zu bedeuten: „Wenn wir überhaupt noch miteinander reden wollen, müssen Sie einen anderen Modus finden.“ Nun, es war wider Erwarten Sauerländer, der diesen Modus fand. Suchte er zunächst Amtsautorität gegen die vielfach noch plakativen Thesen der jungen Generation, war er doch der erste der Etablierten, der Kontroversen zunehmend durch Argumente zu schlichten verstand. Zwar kursierten „schwarze Listen“, auf denen verzeichnet war, wer nicht zum Professor oder Museumsdirektor berufen werden dürfe; zwar gab es Szenen wie die auf einer vom „Ulmer Verein“ beantragten außerordent­li­chen Verbandssitzung in Nürnberg am 28. Oktober 1972, wo der Unterzeichnete den Vorsitzenden mitten in seiner Rede unterbrach, im Glauben, die Rechte der jungen Generation verteidigen zu müssen – alles geschah in höflichen Formen, aber es war doch ungewöhnlich genug. Sauerländer reagierte sachlich, hielt aber scheinbar un­beirrt an seinen Positionen fest. Das Ziel des UV, ihn zum Rücktritt zu bewegen und einen anderen Kandidaten zum 1. Vorsitzenden zu wählen, scheiterte. Man reibt sich die Augen, wenn man Sauerländers Zusammenfassung jener Sitzung nachliest, die ein halbes Jahr später in der „Kunstchronik“ erschien: „Auf selbstgenügsames Spe­zia­listentum“, heißt es dort, „reagiere eine jüngere Generation mit vehementer Rückkehr zur Sinnfrage.“ In diesen kurzen Worten zeigt sich, dass der Vorsitzende damals schon ein volles Verständnis für die Jüngeren aufbrachte, das er aber aus Rücksicht auf sei­ne Altersgenossen nicht durchsetzen konnte. Ein Gespräch mit dem UV hatte er ab­ge­lehnt. Immerhin wurde in Nürnberg ein Vertreter des Reformflügels, der auf dem Kölner Kunsthistorikertag 1970 noch scharf attackierte Martin Warnke, in den Vorstand ge­wählt, in dem er bis Anfang 1975 blieb. Auf der folgenden Mitgliederversammlung, am 11. Oktober 1974 in Hamburg, wurde die Öffentlichkeit der Sitzung erneut beantragt und abermals abgelehnt. Dabei war für diese Öffentlichkeit – Studenten und Presse – nicht einmal Rederecht beantragt worden. Allerdings taten sich mit solchen Forderungen fast ausschließlich Vertreter der Hochschulen hervor, während Museumskustoden und Denkmalpfleger für Lösungen für die fachgerechte Erhaltung von Kunstdenkmälern eintraten. Nicht von ungefähr erschienen dem Vorsitzenden die Hochschulfragen „als der schwierigste und konfliktreichste Teil der Verbandsarbeit“. Er erkannte durchaus, dass vielerorts die Schließung von Universitätsinstituten und die Einschränkung kunst­historischen Unterrichts in Gymnasien drohten; was aber dagegen unternommen wur­de, war wenig. Allzu sehr schoben sich interne Auseinandersetzungen in den Vorder­grund: „… es geht nicht an, dass sich … irgendein Teil der Mitglieder zur Fraktion auf­baut und … Pressionen ausübt …“. Das musste als klare Absage an Gespräche mit Gruppen der Jüngeren verstanden werden. Es versteht sich, dass auch der Antrag, „jeder deutsche Student mit dem Hauptfach Kunstgeschichte“ solle das Recht haben, Mitglied des Verbandes zu werden, abgelehnt wurde; nur Kunsthistoriker „mit abge­schlos­sener Hochschulausbildung“ – und das hieß damals Promotion – konnten Mit­glieder werden. Die Mitgliederversammlung am 17. September 1976 in München zeigt, was man nach über vierzig Jahren mit einiger Überraschung konstatiert, dass der Ver­bandsvorsitzende im Bereich der Denkmalpflege besonders aktiv war und auf diesem Feld am meisten erreicht hat. In den übrigen Bereichen dominierte die Sorge, dass sich die unterschiedlichen Strömungen im Vorstand und Beirat des Verbandes kaum widerspiegelten. Sauerländer gab der Hoffnung Ausdruck, „dass der Verband aus den Gegensätzen herauskomme“.

Die Aussöhnung zwischen den Flügeln dauerte lange. In den 1990er Jahren erst er­ging in einem Rundbrief Hans Holländers die Aufforderung, doch endlich die Eintei­lung der Verbandsmitglieder in Schablonen von „links“ und „rechts“ fallen zu lassen und sich wieder auf Sachfragen zu konzentrieren, wozu Sauerländer einerseits mit eigenwilligem Positivismus, andererseits mit großer Offenheit für neue Methoden den Grund gelegt hatte. Nach seinem Tode erreichte mich der Brief eines Literatur­histori­kers, in dem dieser eines Vortrags gedenkt, „den der Verstorbene ... (im Jahre 2000 im Städel) gehalten hat und der … auch dem Vortragenden Ehre gemacht hat. Es war, als streckte die ältere Generation der jüngeren eine Hand der Versöhnung aus, über den Graben der Studentenbewegung und ihrer Folgen hinweg. Insofern ist es nicht ganz ohne symbolische Bedeutung, dass Sauerländer gerade im Jahr des fünfzigjährigen Gedenkens an 1968 von uns gegangen ist.“

Klaus Herding