Offener Brief: Gemäldegalerie/Bodemuseum

Der Vorstand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. hat den nachfolgenden offenen Brief im Juli 2012 an den Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann gerichtet, um gegen die geplante Zusammenlegung der Berliner Gemäldegalerie und Skulpturensammlung zu protestieren. Wir danken den fast 8.500 Unterstützern, die sich in der betreffenden Unterschriftenliste eingetragen haben und/oder sich der parallelen Unterschriften­aktion angeschlossen haben, die Kollege Jeffrey Hamburger, Harvard University, initiiert hat und die an den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Dr. Hermann Parzinger, gerichtet war.

Nach der seit dem vergangenen Sommer geführten intensiven Diskussion und nach Abschluss der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Aufrag gegebenen Variantenuntersuchung, befürwortet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in ihrer Pressemitteilung vom 21. August 2013 nun anstatt des Umzuges der Gemäldegalerie einen Neubau am Kulturforum für die Kunst des 20. Jahr­hunderts. Das neue Konzept bedarf noch der Zustimmung des Stiftungsrates und der parlamentarischen Gremien.

Sehr geehrter Herr Staatsminister,

der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. protestiert aufs Schärfste gegen die Pläne, die Berliner Gemäldegalerie Alter Meister am Kulturforum in Bälde zu schließen zugunsten einer Nutzung ihres Hauses durch die Neue Nationalgalerie.

Die in Aussicht gestellte Zusammenlegung mit der Skulpturensammlung und dem Museum für Byzantinische Kunst im Bode-Museum würde auf unabsehbare Zeit lediglich eine massiv reduzierte Auswahl an Kunstwerken zugänglich halten, bis der notwendige Galerieneubau im Kasernengelände am Kupfergraben, möglicherweise erst in ferner Zukunft, verwirklicht wäre.

Wir halten diese Pläne für verantwortungslos, weil sie eine der qualitativ besten, trotz der Kriegsverluste vollständigsten Gemäldegalerien der Welt ihres Allein­stel­lungs­merk­mals beraubt, nämlich mehr als ein halbes Jahrtausend europäischer Malerei­geschich­te in hochkarätigen Werken in enzyklopädisch umfassender Weise zur An­schau­ung zu bringen. Damit würde der Öffentlichkeit und Fachwelt auf viele Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte, die Möglichkeit genommen, diese Malereigeschichte in ihrer ganzen Dichte und Vielfalt zu studieren und zu genießen. Die von Generationen auf der Grundlage des hohenzollernschen Gemäldebesitzes geschaffene, einmalige Berliner Gemäldesammlung hat bekanntlich unter der tragischen Geschichte des 20. Jahr­hunderts und ihren Folgen besonders zu leiden gehabt: Von beinahe 75 Jahren, seit der kriegsbedingten Schließung 1939, ist sie erst wieder seit 14 Jahren voll­ständig zu sehen.

Die Skulpturensammlung und das Museum Byzantinischer Kunst auf der Museum­sinsel sind nach langen Jahren der Teilung und der Deponierung gar erst seit sechs Jahren in ihrer überall auf der Welt bewunderten Fülle wieder zugänglich. Nir­gend­wo sonst kann man die Bildhauerkunst Europas von weit über tausend Jahren, seit der Spätantike bis 1800, derart differenziert studieren; die Bestände zur ita­lie­nischen und deutschen Skulptur sind von einzigartiger Dichte und Qualität.

Diesen nach größten Mühen und mit sehr erheblichen finanziellen Mitteln als glück­liches Resultat der Wiedervereinigung endlich erreichten, völlig intakten Zustand jetzt wieder zur Disposition gestellt zu sehen – und dies nicht infolge Krieg, Besatzung, Teilung der Nation, sondern durch die Verantwortlichen selbst – macht uns fassungs­los.

Um es deutlich zu sagen: Die Deponierung großer Teile der Sammlungen Alter Meister kann man nicht mit Bodes Konzeption, Malerei und Skulptur gemeinsam zu zeigen, bemänteln. Das in öffentlichen Verlautbarungen in Aussicht gestellte Feigenblatt, nämlich eine rotierende Präsentation der im viel zu kleinen Bodemuseum nicht unter­zu­bringen­den Werke, halten wir auch aus konservatorischen Gründen für un­ver­ant­wortlich. Wäre derlei im soeben neu gestalteten Louvre vorstellbar? Was hätte Bode dazu gesagt?!

Wie die Frage der zugehörigen Restaurierungswerkstätten, die aus guten konser­va­torischen Gründen in den jeweiligen Häusern liegen, bei der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geplanten Reise nach Jerusalem berücksichtigt werden soll, ist nicht zu erkennen.

Es besteht kein Zweifel, daß die Heilung der im 20. Jahrhundert schwer versehrten Berliner Museumslandschaft eine große Aufgabe ist. Es kann dabei aber doch nicht im Ernst als auch haushälterisch verantwortliches Tun gelten, zugunsten eines sa­nie­rungs­be­dürfti­gen Hauses zwei soeben mit höchstem Aufwand eingerichtete Samm­lungen von ganz unstrittigem Weltrang auf unabsehbare Zeit dezimiert zusammen­zustopfen und dafür erneut viel Geld auszugeben. Mit nachhaltigem, ressourcen­schonenden Wirtschaften hat dies nichts zu tun.

Wir halten es für unverantwortlich, wenn mit dem Hinweis auf die Schenkungs­bedin­gungen einer Privatsammlung surrealistischer Kunst, deren angeblicher Markt­wert von 150 Millionen Euro angesichts heutiger Auktionspreise auf allenfalls eine Handvoll höchstrangiger Werke schließen läßt, Druck auf intakte Museen von Weltrang auf­ge­baut wird. Eine Handvoll Bilder, die eine schmale Epoche innerhalb des zwan­zigsten Jahrhunderts repräsentiert und an Bedeutung nicht annähernd etwa mit der Sammlung Berggruen zu vergleichen ist, soll eine aus öffentlichen und Stifter­mitteln in generationenlanger Arbeit aufgebaute, ein Halbjahrtausend erlesenster Kunst umfassende Sammlung aus ihrer endlich gewonnenen Heimstatt vertreiben können, ohne daß die Finanzierung eines adäquaten Ersatzes auch nur in Konturen sichtbar wäre? Welcher edle Spender kann derartiges ernsthaft in Kauf nehmen wollen?

Für die Neue Nationalgalerie, ihren erfreulichen Zuwachs und ihren Sanierungsbedarf muß eine vernünftige Lösung gefunden werden, die nicht jahrelang, womöglich jahrzehntelang zu Lasten der Alten Meister geht. Ein Umzug und eine Zusammen­legung von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung wäre erst dann akzeptabel, wenn der dafür geplante Neubau der Gemäldegalerie am Kupfergraben steht.

Nochmals: Wir protestieren aufs Schärfste und fordern Sie auf, die Rücknahme der bisherigen Pläne zu bewirken!

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Georg Satzinger
Erster Vorsitzender

Einführung Englisch

Open letter: Gemäldegalerie/Bode Museum

The Board of the Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. (the Association of German Art Historians) has addressed in July 2012 the following open letter to the German Minister of State for the Arts and the Media, Bernd Neumann, in protest at the plans to amalgamate the Berlin Gemäldegalerie and Sculpture Collection (Bode-Museum).
 

Brief Englisch

Dear Minister of State,

The Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. (Association of German Art Historians) protests in the strongest terms against the plans to close the Berlin Gemäldegalerie of Old Master Paintings in the near future so that the Kulturforum premises may be used by the Neue Nationalgalerie.

The proposed amalgamation of the Gemäldegalerie with the Sculpture Collection and the Museum of Byzantine Art at the Bode Museum would leave merely a vastly reduced selection of works of art accessible to the public for an indefinite period, until the completion – possibly only in the distant future – of the new museum building envisaged for the site of the former barracks on Kupfergraben.

We consider these plans irresponsible, since they rob one of the world’s finest and, despite its wartime losses, most comprehensive collections of Old Master paintings of its unique capacity, namely to present more than five hundred years of European painting history in encyclopaedic scope in works of the very highest quality. The general public and the academic sphere would thereby be denied, for years if not decades, the opportunity of studying and enjoying this history of painting in all its richness and diversity. It is a well-known fact that Berlin’s unique collection of Old Masters, built up over generations on the basis of the works originally owned by the Hohenzollern, suffered heavily during the tragic events of the twentieth century and in their aftermath: in the almost 75 years since its closure due to war in 1939, the Gemäldegalerie has only been fully re-opened for the past 14 years.    

It is likewise barely six years since the Sculpture Collection and the Museum of Byzantine Art on Berlin’s Museum Island, after a lengthy period of division and storage, once again became accessible in all their celebrated wealth. Nowhere else is it possible to study well over a thousand years of European sculpture, from Late Antiquity to 1800, in such breadth and depth. The holdings of Italian and German sculpture are thereby unique in their concentration and quality.  

The restoration of these museums to their fully intact state after so many years, as the happy result of Germany’s Reunification, has been obtained with enormous effort and massive financial investment. We are therefore stunned to see this achievement once again placed in jeopardy – not as a result of war, occupation or the division of the nation, but by the Stiftung Preußischer Kulturbesitz itself.

To put it bluntly: Bode’s vision of showing painting and sculpture together cannot be used to gloss over the disappearance into storage of large parts of the Gemäldegalerie collection of Old Master paintings. We also consider the token solution proposed in official statements, namely to stage rotating presentations of the works that the Bode Museum is far too small to house, as irresponsible on conservation grounds. Would such a solution be conceivable in the newly redesigned Louvre? What would Bode have said about it?!

How the question of the conservation workshops – of which each museum currently has its own for reasons of best practice – is to be resolved in the game of musical chairs planned by the Stiftung Preußischer Kulturbesitz, is not clear.

There is no doubt that the healing of Berlin’s museum landscape, so deeply wounded in the twentieth century, is an enormous task. But to take two undisputedly world-ranking collections that have only recently been refurbished at vast expense, to patch them together in decimated form for an indefinite period to come for the sake of another collection in need of overhaul, and to spend even more money in the process, cannot in all seriousness be considered responsible economic policy. This has nothing to do with sustainable management of budgetary resources.

We consider it unjustifiable that the conditions attached to the bequest of a private collection of Surrealist art, whose alleged market value of 150 million euros is based, in view of today’s auction prices, on at best a handful of outstanding works, should be used to exert pressure upon intact museums of world standing. How is it possible that a handful of pictures representing a narrow epoch within the history of twentieth-century art and bearing no comparison with the Berggruen Collection in importance, for example, should be allowed to drive out, from the home it has only recently, at long last, been given, a collection built up over generations with public and private means and embracing five hundred years of the most outstanding art, without even an outline proposal to finance a suitable replacement building being in sight? What noble benefactor can seriously be willing to concur with such a step?     

With regard to the Neue Nationalgalerie, its gratifying new bequest and its need for refurbishment, a sensible solution must be found that will not penalize the Old Masters for years and possibly decades to come. The relocation and amalgamation of the Gemäldegalerie and Sculpture Collection will only be acceptable when the new building planned for the Gemäldegalerie on Berlin’s Kupfergraben is finished and ready.

Once again, we protest in the strongest terms and urgently ask you to revoke the current plans!

Yours sincerely,

Prof. Georg Satzinger
President

Unterschreiben

Unterschreiben


Die Zeichnung des Offenen Briefes ist beendet. Wir danken allen Unterstützern unseres Anliegens.