Stilkonzeptionen der Kunstgeschichte. Nationale Prägungen, europäische Ansprüche, globale Auswirkungen

Donnerstag, 9. März 2017
9.00–15.45 Uhr, Hörsaalzentrum, HS 1

Leitung: Sabine Frommel, Paris / Eveliina Juntunen, Bamberg / Henrik Karge, Dresden

Beschreibung

Epochenstile sind in erster Linie als intellektuelle Konstruktionen zu begreifen, mit deren Hilfe die Fülle bekannter Kunstwerke aus früheren Zeiten und die Komplexität ihrer kulturellen Kontexte historiografisch vereinfachend erschlossen werden. Dass dem kohärenten Gliederungsschema der vor allem auf der Evidenz formaler Zusammenhänge basierenden Stilgeschichte keine wissenschaftliche Geltung im engeren Sinne zukommt, ist heute unumstritten; dennoch wird das populäre Verständnis von Kunstgeschichte nach wie vor von der Vorstellung einer ununterbrochenen Kette von Epochenstilen geprägt.
 
Vor diesem Hintergrund ist die Erforschung der Genese und der semantischen Wandlungsprozesse von Stilkonzeptionen besonders interessant. Hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein europäisches Standardsystem der Epochenstile weitgehend durchgesetzt, so wurden die Stilkonzeptionen nach 1900 zunehmend national überformt und in die Konflikte zwischen den Staaten Europas einbezogen, was auch Folgen für die Auswahl »national wertvoller Kunstwerke« in Deutschland hatte (Maria Obenaus). Im Zuge der Loslösung Irlands von Großbritannien wurde versucht, eine nationale Moderne in der Malerei zu begründen (Elisabeth Ansel). Es gab jedoch auch gegenteilige Tendenzen: So hat Henri Focillon während des 2. Weltkriegs an einem europäischen Konzept der Kunst des »L’an Mil« gearbeitet (Gottfried Kerscher).
 
Auf dem Feld der Architekturgeschichte wurden schon im späten 19. Jahrhundert diverse nationale Eigenprägungen entwickelt, wie die der niederländischen Renaissance, die den Charakter des Besonderen jedoch nie verloren und damit die Kanonizität der großen europäischen Stilmodelle nicht in Frage stellten (Petra Brouwer). Im 19. Jahrhundert bot die Architekturgeschichte zugleich ein Arsenal  von Modellen für die zeitgenössische Baukunst, in der sich das gesamte Spektrum von regionalen, nationalen und europäischen Stilkonzepten widerspiegelt – und gerade hierin zeigen sich auffallende Parallelen zum »Neu-Historismus« unserer Tage (Eva von Engelberg).

Sektionsvorträge


9.00–9.30 Uhr
Einführung durch die Sektionsleitung

9.30–10.00 Uhr
Gottfried Kerscher, Trier
»Zeugen einer toten Kunst …, die an den Ufern der Zeit strandeten«. Stilkonzeption im Spannungsfeld von Formgeschichte und Nationalismus in den Schriften von Henri Focillon

10.00–10.15 Uhr
Diskussion

10.15–10.45 Uhr
Elisabeth Ansel, Dresden
»The Rise of a National School«. Positionen und Diskussionen zum irischen Nationalstil im Kontext der Moderne

10.45–11.00 Uhr
Diskussion

11.00–11.45 Uhr
Pause

11.45–12.15 Uhr
Maria Obenaus, Berlin
Stilkonzepte im »Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke«. Nationale Ansprüche, europäische Prägungen, globale Auswirkungen

12.15–12.30 Uhr
Diskussion

12.30–14.00 Uhr
Pause

14.00–14.30 Uhr
Petra Brouwer, Amsterdam
The Dutch Renaissance Style in the Margins of a General History of Architecture

14.30–14.45 Uhr
Diskussion

14.45–15.15 Uhr
Eva von Engelberg-Dočkal, Weimar
Historismus und »Neo-Historismus« – zwei internationale »Epochenstile«?

15.15–15.45 Uhr
Diskussion