Stellungnahme des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. zu unbezahlter Arbeit

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. tritt der in letzter Zeit laut werdenden Tendenz entgegen, dass kunsthistorische Arbeit nicht unbedingt auch entlohnt werden müsse. Wir vertreten als Berufsverband Fachleute, die in langem, intensivem und spezialisiertem Studium einschlägige Kompetenz erworben haben: in Forschung, Vermittlungsarbeit, in der Interpretation von Objekten, Texten etc. Diese Kompetenz ist unverzichtbar, wenn sich die Bundesrepublik Deutschland weiterhin als Kulturnation verstehen will, denn sie betrifft das Gedächtnis der Gesellschaft, das sich in Artefakten manifestiert.

Solche kultur- oder im engeren Sinne kunstgeschichtlich bedeutsamen Werke werden in Museen gepflegt und erforscht. Vielfach gelangten diese Werke dorthin mit finanzieller Unterstützung der Öffentlichkeit. Auch deshalb obliegt es der besonderen Verantwortung der Museen, diese Objekte sach- und fachkundig optimal zu behandeln. So erfreulich und wünschbar aus Sicht der Gesellschaft ehrenamtliche Tätigkeit ist, so darf doch keinesfalls der Anschein erweckt werden, dass die genannten Aufgaben von ehrenamtlichen Mitarbeitern übernommen werden sollen. Niemand würde auf die Idee kommen, Ehrenamtlichen in Krankenhäusern und Altenheimen die fachliche, d. h. medizinische Versorgung übertragen zu wollen. Der Wert ihres hochwillkommenen Engagements liegt auch dort auf anderem Gebiet.

Das Pressestatement von ICOM Deutschland (02.12.2010, http://www.icom-deutschland.de/client/media/400/pressemitteilung_2.12.2010.pdf) fordert zu bürgerschaftlichem, ehrenamtlichen Engagement in Museen auf, um die Bedeutung von Sammlungen in der Gesellschaft bewusst tiefer zu verankern. So begrüßenswert dies ist, so leicht könnte hier jedoch das Missverständnis aufkommen, dass regulär bezahlte Fachleute in Museen nicht unbedingt oder nur in geringerem Maße nötig seien. Schlimmstenfalls kann das dazu führen, dass unter Verweis auf das Ehrenamt weiter Stellen gestrichen werden, und dass fachlich nicht ausgebildete Kräfte schweren Schaden anrichten.

Wir weisen mit Nachdruck darauf hin, dass gerade in der Kunstgeschichte zahlreiche freiberuflich tätige, hervorragend ausgebildete Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stehen. Gerade wenn feste Stellen knapp sind, bieten sie eine exzellente Ergänzung des Personalstamms. Dies muss auch den Trägern der Einrichtungen vermittelt werden – die Qualität der Arbeit von Fachleuten ist unabdingbar für das „Gedächtnis der Gesellschaft“. Und diese Arbeit muss auch gerecht entlohnt werden. Freie Mitarbeiter tragen die vollständigen Beiträge zur Kranken-, Sozial- und Rentenversicherung, bilden sich auf eigene Kosten laufend fort, müssen ein Büro unterhalten, die Akquise betreiben und, und, und …

Natürlich ist die finanzielle Situation des Museumsträgers immer zu berücksichtigen; manch ein Heimatmuseum lebt und überlebt nur vom und durch ehrenamtliches Engagement. Kulturstaatsminister Bernd Neumann wies in seiner Eröffnungsrede der Jahrestagung von ICOM Deutschland am 24.09.2010 in Leipzig explizit darauf hin, dass eine Vernachlässigung oder Beschneidung von Museen „unserem Selbstverständnis als Kulturnation“ widerspreche – und dass Deutschland immer noch „eine der reichsten Industrienationen der Welt“ sei (http://www.icom-deutschland.de/client/media/386/rede_bernd_neumann.pdf). In diesem Sinne warnen wir eindringlich davor, mit der durchaus begrüßenswerten Werbung um ehrenamtliches Engagement ungewollt die Tür zu einem weiteren Abbau von Stellen aufzustoßen.

Für den Vorstand

Prof. Dr. Georg Satzinger
Erster Vorsitzender
 
  Dr. Barbara Polaczek
Repräsentantin der Berufsgruppe Freie Berufe
 
Prof. Dr. G. Ulrich Großmann
Repräsentant der Berufsgruppe Museum