Veranstaltungskalender
Veranstaltungskalender
Oranienbaum-Wörlitz, 13.09.-15.09.2012
"Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch“
Europäische Gotik in Anhalt-Dessau um 1800
Als „seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch“ charakterisierte August von Rode 1788 ein heute mehr denn je gerühmtes Bauwerk im Wörlitzer Park, – das Gotische Haus. Dass es einem Kloster gleiche und „die Jahrhunderte des Aberglaubens, der Zwietracht und der Galanterie“ ins Gedächtnis rufe, meinte der Kabinettsrat und Vertraute des Bauherrn Leopold III. Friedrich Fürst Franz von Anhalt-Dessau. Heute, mehr als 200 Jahre danach, wird das Gotische Haus weit über Wörlitz, Dessau und Deutschland hinaus als ein Muster neugotischen Bauens zu Beginn der Moderne ästhetisch hoch geschätzt. Seit 2000 zählt es mit den Wörlitzer Anlagen zum Welterbe Gartenreich Dessau-Wörlitz, über das die Bundesrepublik Deutschland mit der UNESCO wacht.
Weniger bekannt ist allerdings, erstens dass das Gotische Haus nicht das einzige Gebäude neugotischen Stils in Wörlitz und dessen Umgebung ist, und zweitens dass August von Rodes politisch historische Kritik auch von anderen tonangebenden Persönlichkeiten der Zeit geteilt worden ist. Wieder andere jedoch waren hellbegeistert. So der Theologe Johann Friedrich Abegg aus Heidelberg, der „in dem sogenannten gothischen Gebäude eine herrliche Copie des starken, köstlich urdeutschen Geschmackes im Bauen“ erkannte. Er unterstrich: „Kraft, Energie und Willen drückt alles aus.“
Die Wiederherstellung des ebenfalls neugotischen Gästehauses „Zum Eichenkranz“ sowie das 800jährige Bestehen der Region Anhalt nehmen die Dessau-Wörlitz-Kommission der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs e. V. und die Kulturstiftung DessauWörlitz zum Anlass, auch die anderen gotischen Gebäude – vom fürstlichen Marstall über St. Petri in Wörlitz bis zur Kirche von Vockerode, ja bis zum Jagdschloss Haideburg südlich von Dessau – ins Blickfeld zu rücken. Auf einem internationalen Symposion werden jüngere und ältere Forscher danach fragen, warum Fürst Franz sein kleines Territorium mit neugotischen Gebäuden geradezu gespickt hat.
Hatte er Legitimationsprobleme? War seine Leidenschaft für alles Englische der Grund? Welche Gotik, welches Europa spiegelte sich in diesen Gebäuden? 29 sind es an der Zahl. Wie wurde darüber gesprochen und geschrieben? Wie haben die berühmten Aufklärer über den jungen Baulöwen in Dessau geurteilt, den sie doch zu den aufgeklärten unter den Despoten rechnen durften. Was meinten die wenigen Demokraten dazu? Haben die Besucher des Gartenreichs dieses mit anderen Anlagen, etwa mit Strawberry Hill bei London, aber auch mit entsprechenden Architekturen in Potsdam, Paretz und Weimar verglichen? Wo machen heutige Fachleute die Unterschiede aus? Kennen auch sie so griffige Vergleiche wie August von Rode und Johann Friedrich Abegg, wie Karl August von Boettiger, Johann Wolfgang von Goethe und andere Zeitzeugen?
Das sind einige der Fragen, die sich die Experten verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Generationen stellen werden. Mit dem neugierigen Publikum werden sie – vornehmlich Historiker, Kunst- und Literaturwissenschafter – nach Antworten suchen. Sie werden dies auch auf zwei Exkursionen tun, die zu den neugotischen Kirchen in Riesigk, Rehsen, Vockerode, zu entsprechenden Häusern in Mildensee sowie zum Jagdhaus Haideburg führen.
Heinrich Dilly und Barry Murnane
Internationales Symposion
der Dessau-Wörlitz-Kommission am IZEA der Martin-Luther-Universität,
der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs e.V.
und der Kulturstiftung DessauWörlitz
im Saal des Historischen Gasthofes „Zum Eichenkranz“,
Angerstr.104, 06785 Oranienbaum-Wörlitz,
vom 13. bis 15. September 2012
Programm
DONNERSTAG, den 13. September 2012
Historischer Gasthof „Zum Eichenkranz“, Wörlitz
13.00 Gang mit den Gästen durch die Wörlitzer Anlagen
17.15 Prolog: Führung durch den restaurierten Eichenkranz
18.00 Eröffnung der Tagung durch den Rektor der Martin-Luther-Universität Udo Sträter, durch den Vorsitzenden der Dessau-Wörlitz-Kommission Gunnar Berg, den Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs e.V. Rolf Budde und durch den Direktor der Kulturstiftung DessauWörlitz Thomas Weiss
18.30 Eröffnungsvortrag: Norbert Miller, Berlin
19.15 Empfang
FREITAG, den 14. September 2012
Historischer Gasthof „Zum Eichenkranz“, Wörlitz
1. Teil: Die ‚Franzische Gotik’ erkunden
09.15 Einführung: Heinrich Dilly und Barry Murnane, Halle
10.00 Moderation: Ulrike Höroldt, Magdeburg
10.15 Andreas Erb: Aufgeklärter Musterstaat oder Miniaturdespotie. - Anhalt-Dessau um 1800
11.00 Kaffeepause
11.30 Annette Dorgerloh und Michael Niedermeier, Berlin: Neugotik und genealogisch herrschaftliche Memoria im protestantischen Norden.
12.15 Reinhard Melzer, Dessau-Roßlau: Neue Gotik auf alten Mauern.
13.00 Lunch
2. Teil: Gotischen Geschmack in England und Anhalt vergleichen
14.00 Moderation: Christiane Holm, Halle
14.15 Michael Snodin, London: „The castle (I am building), of my ancestors“: Horace Walpole's history machine.
15.00 Kevin Rogers, London: “A very old castle”: staging the contradiction with modernity for visitors in Strawberry Hill.
15.45 Kaffeepause
16.30 Exkursion zu den Kirchen in Riesigk, Rehsen und Vockerode
Erläuterungen: Hinrich Rademacher, Braunschweig, und Heinrich Dilly, Halle
19.30 Abendessen im Palmenhaus der Wörlitzer Anlagen.
SONNABEND, den 15. September 2012
Historischer Gasthof „Zum Eichenkranz“, Wörlitz
3. Teil: Das Gotische Mittelalter um 1800 begreifen
09.15 Moderation: Johannes Grave, Bielefeld und Paris
09.30 Alfred Hagemann, Potsdam: Neugotik im Umfeld Friedrich Wilhelms II. von Preußen.
10.15 Michael Enterlein, Weimar: Gotisches Weimar. (Arbeitstitel)
11.00 Kaffeepause
11.30 Petra Rau, Frankfurt am Main: Kopien und Nachbildungen. Über die Herstellung und den Handel mit „gothischer“ Plastik im 18. Jahrhundert
12.15 Annette Graczyk, Halle: Die gotische Ruine im Gartenreich. Anmerkungen und Ergänzungen zu Carl August Boettigers Wörlitzbesuch 1797
13.00 Lunch
14.00 Exkursion zur Kirche in Dessau-Mildensee und zum Jagdhaus Haideburg.
Führung: Heinrich Dilly, Halle
Michael Weninger, Dessau-Roßlau: Die forstlichen Funktionen der Haideburg.
16.30 Eine kleine Jagdmusik
Ca. 17.00 Schluss der Tagung
Weitere Auskünfte erteilt gern die Dessau-Wörlitz-Kommission der Martin-Luther-Universität. Heinrich Dilly und Barry Murnane wurden von ihr mit der Vorbereitung der Tagung betraut. Beide sind über das Sekretariat des Interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Aufklärung (IZEA) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu erreichen: Franckeplatz 1, Haus 54, 06110 Halle (Saale), 49(0)345 5521771, izea(at)izea.uni-halle.de.
Quelle: H-ArtHist

