Veranstaltungskalender
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Nürnberg, 16.11.2012
Die nervöse Ordnung gereizter Denkmodelle
Moderne Gesellschaften verfahren nach einem paradoxen jedoch geduldeten Prinzip: Sie formulieren eine Heerschar von Erklärungsmodellen, die nebeneinander gleichermaßen existenzberechtigt sind und sich dennoch widersprechen. Das offenbar werden dieser Widersprüche kaschiert die moderne Gesellschaft geschickt: Erklärungsmodelle werden stets strikt getrennt gedacht und erhalten ihre eigene Wirksphäre, die sich nicht mit der der jeweils anderen kreuzt: Wir trennen Politik von Religion, Soziologie von Ökonomie, Kunst von Design. Selbst innerhalb der Disziplinen arbeiten wir mit konkurrierenden Ideen, die sich widersprechen, die sich aber durch ihre Trennung dennoch nicht gegenseitig auslöschen. Eine Vermengung der Zuständigkeiten gilt im Rahmen unserer modernen Verfassung, wie sie Bruno Latour beschreibt, als illegitim: Sie führe zu Widersprüchen, welche die mühsam aufgebaute Ordnung der Modelle ins Wanken brächte.
Dies stellt so lange kein Problem dar, wie wir die moderne Verfassung glaubwürdig aufrecht erhalten können. In Anbetracht der Veränderungen unserer Gesellschaften scheint die widerspruchslose Ordnung in immer größerer Bedrängnis zu sein. Jüngere Beispiele sind zahlreich: Das enorme Tempo des revolutionären Aufbegehrens in den arabischen Ländern, die gegenwärtige allumfassende Finanzkrise oder die massiven politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen der nuklearen Katastrophe in Japan zeugen von einer sensiblen Verschränkung und nervösen Ordnung unserer Denkmodelle. So lässt sich eine direkte Linie nachzeichnen von einem Erdbeben in Japan zum Ergebnis einer Landtagswahl in Baden-Württemberg. Geologische und politische Prozesse reagieren sehr sensibel und nervös aufeinander. Die fehlende gegenseitige Resistenz konkurrierender Ordnungen tritt damit offen zu Tage.
Das Symposium unternimmt den Versuch, die Verschränkung unserer Denkmodelle und deren gegenseitige Konkurrenz nachzuzeichnen: Wie vollzieht sich Wandel solcher Denkmodelle durch deren Konkurrenz? Wodurch wird Wandel gehemmt oder gefördert? Neben einer historischen, politischen und kulturellen Verortung des Themas wirft das Symposium einen Blick auf die Rolle der Medien innerhalb dieser Prozesse: Medien fungieren zum einen als Katalysator von Veränderung – zum anderen als ideologischer Hemmschuh der selben.
Weiterhin diskutiert das Symposium die prinzipielle Möglichkeit bewusster Innovation und Veränderung. An diesem Punkt stellt sich die berechtigte Frage nach der vielbeschworenen Innovationskraft der Künste: Künstlerische Strategien gelten als Gegenmodell zu herkömmlichen gesellschaftlichen Praktiken, denn die Kunst hantiere mit sich ständig verändernden Ideen und Ordnungen. Sind künstlerische Strategien also prinzipiell weniger anfällig für ideologische Denkmuster? Sind sie eher dazu in der Lage, festgelegte Modelle schneller und häufiger über Bord zu werfen als andere gesellschaftliche Bereiche? Kommt die Kunst besser mit chaotischen Zuständen und einer fehlenden Ordnung zurecht bzw. fordert sie diese nicht sogar ständig heraus? Falls ja, innerhalb welcher Grenzen? Lassen sich künstlerische Strategien – wie von den Künstlern oft behauptet – in andere Bereiche gesellschaftlicher Praxis überhaupt transformieren? Oder ist die Behauptung, dass die Kunst für die Gesellschaft Innovator, Erfinder und Menetekel in Personalunion sei, bloße Illusion, welche die kostenintensive Existenz von Akademien und Fördergeldern zu rechtfertigen sucht? Ist es nicht vielmehr so, dass seit dem Ende der Avantgarden das invasiv innovative Potential der Kunst auf andere gesellschaftliche Felder als verschwindend gering einzuschätzen ist. Ein Blick in die Kunstgeschichte scheint dies gleichzeitig zu bestätigen und zu widerlegen. Auch die aktuellen Kunstdiskurse zeichnen ein eher ernüchterndes Bild: Zeitgenössische Kunst hat kaum bis keinerlei direkten Einfluss auf unsere Denkmodelle. Dennoch – die aktuellen Diskurse beweisen, dass das Thema Kunst & Politik innerhalb des Betriebes als äußerst relevant betrachtet wird.
Symposium / 16.11.2012
Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg
Programm
10 Uhr / Begrüßung und Einführung
10:30 Uhr / Dr. Harry Lehmann (Berlin)
Die gesellschaftliche Funktion der Kunst
11:30 Uhr / Prof. Dr. Dirk Rustemeyer (Trier)
Irritation und Stabilität – Künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Reflexionsstile in der modernen Kultur
12:30 Uhr / Mittagspause
13:30 Uhr / Wolfgang Pohrt (Stuttgart)
Die Vertreibung aus dem Paradies
14:30 Uhr / Stefan Heidenreich (Zürich)
Techniken der Welterklärung
15:30 Uhr / Kaffeepause
16:30 Uhr / Felix Trautmann (Frankfurt / Basel)
Die Kunst der Post-Demokratie – Wahrnehmung und Kritik der "Unsichtbaren Ideologie"
17:30 Uhr / Peter Nowak (Berlin)
Sozialchauvinismus – Das Bündnis von Boulevard und Bürger
18:30 Uhr / Abschlussdiskussion
symposium.adbk-nuernberg.de
www.adbk-nuernberg.de
Tagungsort
Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg
Bingstraße 60 | 90480 Nürnberg
Kontakt
Peter Wendl / pw(at)adbk-nuernberg.de
Jana Stolzenberger / stolzenberger(at)adbk-nuernberg.de
Petra Meyer / meyer(at)adbk-nuernberg.de
Quelle: H-ArtHist

