Fachgutachterliche Stellungnahme zur geplan­ten Windenergieanlage bei Boldevitz  

Der Erste Vorsitzende und der Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege im Vorstand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. haben eine fachgutachterliche Stellungnahme zum geplanten Windpark bei Boldevitz erstellt und erkennen eine Ge­fahr für eine der bedeutendsten kulturlandschaftlichen Ensembles in Norddeutsch­land. Diese Bedenken wurden auch der Geschäftsstelle des Regionalen Planungs­ver­ban­des Vorpommern am 26.06.2017 übermittelt.

Das Herrenhaus auf Gut Boldevitz vom Park aus gesehen
(Foto: Rostocker - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link)

 

Datum: 26.06.2017

Fachgutachterliche Stellungnahme zum geplanten Windpark bei Boldevitz

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker, der zentrale Berufs- und Fachverband von 3300 Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern in Deutschland, darunter hunderte von Denkmalpflegern, möchte mit diesem Schreiben zum geplanten Windpark bei Bolde­vitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, eine fachgutachterliche Stellungnahme abgeben. Wie den verschiedenen Zeitungsberichten und den im Internet einsehbaren Planun­gen des Regionalen Raumentwicklungsplans Vorpommern (RREP VP) zu entnehmen ist, wird ein Windpark in etwa 2800 Meter Entfernung westlich vom Herrenhaus Bolde­vitz geplant. Wir sehen durch diese Planungen in massivster Weise das kunsthisto­risch und kulturhistorisch herausragende Denkmalensemble in Boldevitz gefährdet. Hierzu folgende Begründung:

Das Herrenhaus Boldevitz gehört zu den bedeutendsten Herrenhäusern auf Rügen und in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Das Herrenhaus ist im Kern um 1600 ent­stan­den. Als dreigeschossiger, verputzter Bau mit fünf Achsen auf nahezu quadratischem Grundriss wurde es Mitte des 17. Jahrhundert erweitert. Damals entstanden auch die zwei parallelen Satteldächer – eine Bauform, die für Rügen einzigartig ist. Die wichtig­ste Epoche von Boldevitz beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts. 1762 erwarb der Stral­sun­der Regierungsrat Adolf Friedrich von Olthof das Gut. Damals trafen sich in Bolde­vitz die für Mecklenburg-Vorpommern so wichtigen Maler Georg David Matthieu und Jakob Philipp Hackert. Zwischen 1762 und 1764 wurden durch den noch jungen Land­schaftsmaler Jakob Philipp Hackert sechs großflächige Landschaftstapeten anfertigt. Hier zeigen sich erstmals in der Kunstgeschichte überhaupt auch rügensche Motive, so etwa die Kreidefelsen. Selbst Goethe erwähnt 1811 diese Tätigkeit Hackerts in Boldevitz in seiner 1811 erschienenen Biographie über den Maler. Als weitere kunstge­schichtliche Besonderheit in Boldevitz ist der Englische Landschaftsgarten mit Kapelle von 1839 zu nennen.

Seitdem die Familie von Wersebe ab 1993 das Herrenhaus mitsamt den damals stark beschädigten Landschaftstapeten restaurieren ließ, stellt Boldevitz ein herausragen­des kunsthistorisches Ensemble dar. Es gibt kein zweites Beispiel eines Herrenhau­ses auf Rügen, bei dem in gleicher Weise der Innen- und Außenarchitektur eine solch hochrangige Bedeutung zukommt. Der Hackert-Saal in Boldevitz kann als geradezu ein­zigartig in ganz Norddeutschland bezeichnet werden. Das Herrenhaus Boldevitz wird einer interessierten Öffentlichkeit durch die Familie von Wersebe immer wieder zugänglich gemacht, die das Haus selbst privat bewohnt. Im Denkmalregister des Land­kreises Vorpommern-Rügen nimmt Boldevitz gleich vier Positionen ein (Gutsanla­ge mit Gutshaus, Park, Kutscherhaus und Kapelle (https://www.lk-vr.de/media/custom/2152_2568_1.PDF?1438936507), auch das ein Beleg für die hohe Bedeutung des Ensembles.

Durch den geplanten, sehr dicht an das Herrenhaus heranrückenden Windpark wird der Zusammenhang von Saal und Landschaft in seinen bislang ungestörten Sichtbe­ziehungen geradezu zerstört. Der Saal wurde 1762 so angelegt, dass die drei Raum­seiten mit Landschaftstapeten durch die vierte Raumseite mit den Fenstern, die in die reale Landschaft ausgerichtet sind, ergänzt wird. Wenn nun ausgerechnet westlich des Herrenhauses in der Blickachse des Saales ein Windpark errichtet werden sollte, dann wird dieser besondere Effekt der Wahrnehmung unwiederbringlich verloren sein. Es lässt sich auch so formulieren: Eine der bedeutendsten kulturlandschaftlichen En­sembles in Norddeutschland wäre für zukünftige Generationen niemals mehr erlebbar.

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker fordert aus den genannten Gründen unmissverständlich dazu auf, von den Planungen zum Windpark bei Boldevitz Abstand zu nehmen. Jede bauliche Maßnahme an dieser Stelle muss unterbunden werden.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Kilian Heck
(Erster Vorsitzender)

 

Dr. Martin Bredenbeck
(Repräsentant der Berufsgruppe Denkmalpflege)

 

Literatur:

  • Sabine Bock, Thomas Helms: Boldevitz. Geschichte und Architektur eines rügen­schen Gutes. Schwerin: Thomas Helms Verlag 2007.
  • Europa Arkadien. Jakob Philipp Hackert und die Imagination Europas um 1800, hg. von Andreas Beyer, Lucas Burkart, Achatz von Müller und Gregor Vogt-Spira, Göt­tin­gen: Wallstein-Verlag 2008.

 

 

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