Berlin Call to Action / Berliner Appell
„KULTURERBE IST DIE ZUKUNFT EUROPAS“

Der Vorstand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. schließt sich dem auf dem European Cultural Heritage Summit in Berlin verabschiedeten Berlin Call to Action / Berliner Appell „KULTURERBE IST DIE ZUKUNFT EUROPAS“ an und appelliert an seine Mitglieder, ihn ebenfalls zu unterzeichnen, zu unterstützen und zu teilen.

 

BERLINER APPELL
KULTURERBE IST DIE ZUKUNFT EUROPAS

PRÄAMBEL
Das Europäische Kulturerbejahr 2018 ist ein Wendepunkt für die immer größer werdende Kulturerbe-Bewegung in Europa. Diesen Impuls müssen wir nutzen, damit die positive und verbindende Kraft unseres gemeinsamen Kulturerbes und unserer gemeinsamen Werte erkannt wird und sich weiter entfalten kann – um Europas Bürgerinnen und Bürger miteinander zu verbinden und dem europäischen Gesamtprojekt eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Die Zeit zu handeln ist jetzt!

Präsentiert wurde dieser „Berliner Appell“ am 22. Juni 2018 auf dem European Cultural Heritage Summit in Berlin durch die drei Gastgeber – EUROPA NOSTRA, the Voice of Cultural Heritage in Europe, das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK), nationaler Koordinator für das Europäische Kulturerbejahr in Deutschland, und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK).

Im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres brachte der erste European Cultural Heritage Summit vom 18.-24. Juni 2018 zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Organisationen aus ganz Europa in Berlin zusammen. Anwesend waren Vertreter von Institutionen, Verbänden, Stiftungen und Universitäten sowie von religiösen Gemeinschaften und Stätten, allesamt mit dem Kulturerbe aus den verschiedensten Facetten befasst; ferner Architekten, Museumsfachleute, Konservatoren/Restauratoren, Handwerker, Künstler, private Eigentümer von denkmalgeschützten Häusern und Kulturerbestätten, Vertreter aus
Forschung und Lehre und aus staatlichen Einrichtungen oder Finanzinstituten, Unternehmensgründer, Startups, (Kunst-)Historiker, Journalisten, Fotografen, Studierende und junge Freiwillige sowie für Kultur zuständige Ministerinnen und Minister, Bürgermeister historischer Städte, Mitglieder des Europäischen Parlaments wie auch nationaler und regionaler Parlamente, Vertreter von Institutionen der Europäischen Union sowie des Europarats, der UNESCO, des ICCROM sowie einer Vielzahl weiterer europäischer
Kulturerbenetzwerke.

Seine Inspiration und Legitimität zieht der „Berliner Appell“ aus der Kenntnis, dem Enthusiasmus und dem Engagement all Frauen und Männer, die sich um das (materielle, immaterielle und digitale) Erbe kümmern und ihr Wissen, ihre Zeit und ihre Energie, sei es als Fachleute oder Ehrenamtliche, zur Verfügung stellen, damit dieses Erbe an künftige Generationen weitergegeben werden kann. Der wirtschaftliche Wert ihrer Arbeit ist bedeutend; der gesellschaftliche und kulturelle Wert ist unermesslich.

Ferner stützt sich der „Berliner Appell“ auf die Beiträge und die Unterstützung der nationalen EYCH-Koordinatoren, der Mitglieder des EYCH Stakeholders Committee sowie der Mitglieder der European Heritage Alliance 3.3.

Wir fordern nunmehr alle, denen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas am Herzen liegt, zur Unterzeichnung, Unterstützung und Weitergabe des „Berliner Appells“ auf.

BERLINER APPELL
WIR, DIE UNTERZEICHNENDEN BÜRGER, ORGANISATIONEN ODER INSTITUTIONEN … stehen bereit, unserer gemeinsamen Verantwortung gerecht zu werden, damit sich die verbindende Kraft und das Potenzial unseres gemeinsamen kulturellen Erbes für ein friedlicheres, integrativeres und gerechteres Europa entfalten kann.

Mit dem Europäischen Kulturerbejahr haben wir die einmalige Chance, die Debatte über die Zukunft Europas zu beeinflussen. Angesichts der Vielzahl von Herausforderungen, ja Bedrohungen für zentrale europäische Werte, darf diese Debatte nicht ausschließlich durch politische, wirtschaftliche oder sicherheitsbezogene Erwägungen geprägt sein. Wir müssen vielmehr „die Tonlage“ über das europäische Narrativ ändern. Wir müssen unser gemeinsames Kulturerbe dort platzieren, wo es schon immer hingehört hat: in das Zentrum von Europas Politiken und Prioritäten.

WARUM? WEIL …

  1. unser Kulturerbe uns erst europäisch macht, da es unsere unterschiedlichen und gemeinsamen Werte, Kulturen und Erinnerungen widerspiegelt. Es ist daher die wahrhaftige Verkörperung der „Einheit in Vielfalt“ und hilft uns, solchen Spaltungskräften zu widerstehen, die eine Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen;
  2. unser Kulturerbe die vielfältigen Ebenen unserer Identität – lokal, regional, national und europäisch – erfasst; es sind Ebenen die alle miteinander verwoben sind, die sich einander verstärken und sich kontinuierlich weiter entwickeln;
  3. unser Kulturerbe sowohl unser lokales Heimatgefühl wie auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Solidarität in Europa nährt;
  4. unser Kulturerbe über Generationen verbindet, da die grenzüberschreitende Bewegung von Menschen und Ideen während vieler Jahrhunderte eine gemeinsame Geschichte widerspiegelt. Es ist somit die Grundlage für einen respektvollen und bereichernden Dialog und Austausch, nicht nur innerhalb und zwischen den Gemeinschaften in Europa, sondern auch mit anderen Kulturen der Welt;
  5. unser Kulturerbe eine Brücke zwischen unserer Vergangenheit und unserer Zukunft ist. Es ermöglicht uns, aus unserer Geschichte und unseren kulturellen Traditionen als Ausgangspunkt für unser heutiges Handeln zu lernen. Gleichzeitig hilft es Einschnitte und Brüche zu überkommen und inspiriert Kreativität und Innovation. Als solches ist unser Kulturerbe eine Quelle lebenslangen Lernens und kontinuierlicher Inspiration sowie Grundlage für die aktive Ausübung unserer Rolle als mündige Bürgerinnen und Bürger;
  6. unser Kulturerbe auch ein entscheidender Motor für eine nachhaltige Entwicklung und einen besseren sozialen Zusammenhalt ist und direkt wie auch indirekt eine große Anzahl von Arbeitsplätzen begründet;
  7. unser Kulturerbe für Harmonie und Schönheit in unserem – sowohl vom Menschen gemachten als auch natürlichen – Lebensumfeld sorgt und damit unser Wohlergehen und unsere Lebensqualität verbessert.

Ausgehend von der erneuerten Feststellung, dass das Recht auf Kulturerbe ein grundlegendes Menschenrecht darstellt – im 70. Jubiläumsjahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte –, sowie unter Bekräftigung all jener Grundsätze, die bereits durch viele europäische und internationale Organisationen als politische beschlossene Dokumente formuliert sind, ist es nun an der Zeit, diese Grundsätze in wirksame Maßnahmen mit greifbaren Ergebnissen für Europa und dessen Bürgerinnen und Bürger umzusetzen:

AKTION 1
EINEN EUROPÄISCHEN AKTIONSPLAN FÜR DAS KULTURERBE ENTWICKELN
Wir fordern einen ehrgeizigen Europäischen Aktionsplan für das Kulturerbe als bleibendes Vermächtnis des Europäischen Kulturerbejahres. Dieser Aktionsplan, der in der unlängst beschlossenen Neuen Europäischen Kulturagenda bereits angekündigt wird, muss unter voller Einbeziehung und mit dem gemeinschaftlichen Engagement aller relevanten staatlichen und privaten Akteure einschließlich der Zivilgesellschaft erstellt und umgesetzt werden. Er muss zudem ganzheitlich und mit anderen zentralen politischen Agenden und Prioritäten der EU verknüpft sein, wie insbesondere den unlängst gezogenen Schlussfolgerungen des EU-Rats. Wir verweisen dabei auf Ziele und Politikbereiche wie sozialer Zusammenhalt, regionale Entwicklung, Stadtentwicklung, Entwicklung des ländlichen Raums, Umwelt, Meeres- und Tourismuspolitik, die Nachhaltigkeitsagenda und Anpassungen an den Klimawandel, Forschung und Innovation, Digitalpolitik, Bildung und Qualifizierung sowie insbesondere die Förderung der Jugend. Dieser Aktionsplan sollte ferner auch eine externe Dimension aufweisen, da die Europäische Union auch global Verantwortung übernehmen muss und sich auch Partnern außerhalb ihrer Grenzen
zuwenden muss. Der Aktionsplan sollte daher mit der Faro Konvention „Der Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft“ des Europarats und mit der Europäischen Kulturerbestrategie für das 21. Jahrhundert des Europarats sowie mit der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung im Einklang stehen.

AKTION 2
KULTURERBE ALS PRIORITÄT IN DER EUROPÄISCHEN POLITIK UND IM EUROPÄISCHEN FINANZRAHMEN ANERKENNEN
In Unterstützung des künftigen Europäischen Aktionsplans für das Kulturerbe rufen wir die EU-Institutionen dazu auf, das Kulturerbe als einen strategischen Schwerpunkt in den bevorstehenden Politikprogrammen und in dem neuen mehrjährigen Finanzrahmen der EU (2021-2027) uneingeschränkt anzuerkennen. Dies wird zu der dringend erforderlichen Stärkung des sozialen und kulturellen Kapitals in Europa und der Förderung der Werte Europas beitragen. Gleichzeitig bekennen wir uns zu einer stärkeren Sensibilisierung für die vielfältigen kulturellen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Werte des Kulturerbes. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Europawahlen im Mai 2019 und der anschließenden Berufung der neuen Europäischen Kommission ist dies von besonderer Bedeutung.

AKTION 3
BRÜCKEN ZWISCHEN DER KOMMUNALEN, NATIONALEN UND EUROPÄISCHEN EBENE BAUEN
Die verschiedenen staatlichen Ebenen sind von entscheidender Bedeutung, um das Kulturerbe als strategischen Ausgangspunkt für Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Umwelt umfassend zu nutzen. Wir rufen daher alle Länder, Regionen und Städte in Europa auf, auch weiterhin ganzheitliche und ehrgeizige Politik- und Aktionspläne für das Kulturerbe zu entwickeln. Wir fordern auch nachdrücklich dazu auf, den Dialog und die Zusammenarbeit mit den jeweiligen europäischen und internationalen Organisationen sowie mit der Zivilgesellschaft weiter zu intensivieren. Hierbei müssen wir sicherstellen, dass die Aktionspläne der verschiedenen staatlichen Ebenen – von der kommunalen über die nationale bis hin zur europäischen – sich einander ergänzen und im Einklang stehen.

AKTION 4
UNERSETZLICHES BEWAHREN UND WEITERGEBEN
Kulturerbe ist einzigartig und unersetzlich. Oft ist es jedoch auch empfindlich oder gar gefährdet. Daher ist es unsere gemeinsame Aufgabe, diesen Schatz zu bewahren, um ihn an künftige Generationen weiterzugeben, damit diese sich weiterhin an diesem erfreuen und diesen aufgreifen können. Hierfür müssen wir die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen schaffen und in Qualifikation und Kompetenzaufbau investieren, damit eine angemessene Erhaltung, Entwicklung und Weitergabe unseres Kulturerbes materiell wie digital sichergestellt ist. Hierbei gilt es Wissenschaft und Forschung systematisch einzubeziehen, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und Synergien zwischen Kulturerbe und Kunst zu stimulieren. Ferner ist der Wert immaterieller Formen unseres Kulturerbes, die sich ständig neu entwickeln und unsere Gesellschaft und unser Lebensumfeld deutlich bereichern, zu erfassen.

AKTION 5
IN HOCHWERTIGE REVITALISIERUNG INVESTIEREN
Wir müssen angemessene – öffentliche und private – Investitionen in die bauliche Erneuerung von Städten, Gemeinden und ländlichem Raum auf der Basis von Kreativität, Innovation und einer anspruchsvollen Umbaukultur sicherstellen und ermöglichen – inspiriert von den Grundsätzen einer hochwertigen Baukultur, wie in der ganz zu Beginn des Europäischen Kulturerbejahres angenommenen Erklärung von Davos formuliert, sowie bereichert durch die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und zivilgesellschaftlichen Organisationen. In diesem Zusammenhang begrüßen wir ein kreatives und respektvolles Zusammenwirken zwischen dem Schutz des architektonischen Erbes und zeitgenössischen Beiträgen zu unserer gebauten Umwelt, die zum Erbe von morgen beitragen.

AKTION 6
MEHR WISSEN UND EIN BESSERES VERSTÄNDNIS FÖRDERN
Dem Kulturerbe muss in der – formalen und auch außerschulischen – Bildung für alle Altersstufen eine weit größere Bedeutung eingeräumt werden. Dies wird zu einem verstärkten öffentlichen Engagement für die Erhaltung und Vermittlung unseres Kulturerbes führen. Besondere Aufmerksamkeit muss dabei dem Geschichtsunterricht und weiteren Formaten der kulturellen Vermittlung zuteilwerden, denn hier wird der größere Zusammenhang der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas vermittelt. Dies
wird die Bürgerinnen und Bürger Europas und insbesondere unsere Kinder und Jugendliche mit der notwendigen Kenntnis für ein besseres Verständnis für fortlaufende Begegnungen und Austausch sowohl innerhalb Europas als auch mit anderen Kulturen der Welt ausstatten. Auch wird zu einem respektvolleren Umgang der Menschen mit den Orten, an denen sie leben, arbeiten oder die sie besuchen, beitragen. Darüber hinaus, wird dies ein höheres Maß an Verständnis und Respekt für neue Europäer bewirken und deren Integration erleichtern.

AKTION 7
DEN SCHWUNG NUTZEN
Das Europäische Kulturerbejahr hat einen politischen Impuls und eine breite Mobilisierung für das Kulturerbe in Europa geschaffen. Nun müssen wir die Synergien zwischen öffentlichen und privaten Stakeholdern unter Einbeziehung relevanter europäischer und internationaler Organisationen und der Zivilgesellschaft möglichst breit konsolidieren und weiter optimieren. Um dies zu erreichen, müssen wir eine adäquate Formel für eine beständigere Plattform für Wissenssammlung, Kompetenzaufbau und Koordinierung der Zusammenarbeit für das Kulturerbe in Europa finden.

Berlin, 22. Juni 2018

Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.



Den Berlin Call to Action finden Sie als PDF zum Download hier.