Memorandum des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e.V. zur Umstellung bzw. Einstellung des „Allgemeinen Künstlerlexikons“ durch den Verlag de Gruyter

verabschiedet von der Mitgliederversammlung auf dem 31. Deutschen Kunsthistorikertag in Würzburg am 25.3.2011

Aus verschiedenen Quellen hat der Verband Deutscher Kunsthistoriker von den geplanten und teilweise bereits in die Wege geleiteten Umstellungen der Erscheinungsweise des Allgemeinen Künstlerlexikons, vormals Thieme/Becker durch den Verlag Walter de Gruyter vernommen. Hieraus ergibt sich aus unserer Sicht eine akute Gefährdung der Weiterführung dieses „größte[n] und wichtigste[n] Gemeinschaftswerk[s] der internationalen Kunstgeschichte“ (Lutz Heusinger, Vorwort AKL, Bd. 1, 1992), das seit 1987 unter der Schirmherrschaft des "Comité International d'Histoire de l'Art" steht.

Nach unseren Informationen ist die seit Jahrzehnten erfolgreich am Standort Leipzig tätige, zwölfköpfige AKL-Redaktion von Seiten des Verlags gekündigt worden. Die Räumlichkeiten, und damit der Standort Leipzig, sollen noch in diesem Sommer aufgegeben werden.

Wie u. a. in der Süddeutschen Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet wurde, soll das Lexikon künftig in personell völlig anderer Konstellation weitergeführt werden, in Zusammenarbeit mit bzw. unter der wissenschaftlichen Leitung des Münchner Zentralinstitutes für Kunstgeschichte. Gemäß Verlag soll die zuletzt in vier Bänden jährlich erscheinende Print-Edition weiter angeboten, der Schwerpunkt jedoch auf die Online-Version gelegt werden. Die Veränderungen beinhalten nicht nur eine technische Verlagerung zum digitalen Medium. Sie bedeuten vor allem eine grundlegende Veränderung des Konzepts und sind aus unserer Sicht unvermeidlich mit schwerwiegenden Qualitätseinbußen verbunden.

Es sei hier in Erinnerung gerufen, dass das auf dem bis 1950 erschienenen Thieme-Becker und Vollmer (bis 1962) basierende AKL in der neuen, seit 1983 zunächst im VEB E. A. Seemann, dann, ab 1992, im K.G. Saur-Verlag erscheinenden Auflage in diesen wenigen Jahrzehnten bereits auf bisher 69 Bände und vier Nachtragsbände angewachsen ist. Jährlich sind vier Bände im Umfang von ca. 650 Seiten erschienen, mit ca. 1500 Artikeln pro Band. Dies entspricht etwa 40 % des Alphabets. In dieser Qualität und Dichte sollten bei gleichbleibendem Tempo, einschließlich der Register- und Nachtragsbände, weitere 130 Bände veröffentlicht werden.

Der Verlag hat dieses langfristig angelegte Projekt bereits insofern verändert, als der nun verfolgte Erscheinungsplan nur noch weitere ca. 40 Bände vorsieht. Dies bedeutet, dass von den in sechs Kategorien eingeteilten Künstlern nur noch die Kategorien 1-3 in Printform behandelt werden können, während die weniger bekannten Personen lediglich in der kostenpflichtig zu abonnierenden digitalen Version online erscheinen würden.

Selbst wenn die Zukunft lexikalischer Unternehmungen mittelfristig im Online-Sektor liegen mag, so sieht doch der VDK die Verkürzung der Druckversion mit Sorge. Es ist fraglich, ob sich kleinere Institute das Abonnement der Online-Version werden leisten können. Durch die Konzentration auf die Bearbeitung der Kategorien 1-3 droht die Behandlung der nicht im Druck erscheinenden Personen vernachlässigbar zu werden. Wir möchten betonen, dass gerade zu den weniger bekannten Künstlerinnen und Künstler bisher im AKL anderswo kaum zu gewinnende Informationen gefunden werden und daher die Behandlung der weniger prominenten Künstlerinnen und Künstler nicht aufgegeben werden sollte.

Mit größter Besorgnis müssen wir aber vor allen Dingen feststellen, dass nach den uns bisher verfügbaren Informationen das vom Verlag offenbar erwogene Editionskonzept bzw. die in den Blick genommene ständige personelle Ausstattung die Fortsetzung des AKL auch in der schlankeren Fassung keinesfalls auf dem bisherigen Qualitätsniveau wird sicherstellen können.

Der VDK fürchtet, dass aus kurzsichtigen wirtschaftlichen Erwägungen ein Projekt von Weltgeltung existenziell gefährdet und wertvolles know-how aufgegeben wird. Politisch bedenklich ist der Vorgang endlich, weil hier ein zu Zeiten der DDR mit staatlichen Geldern in bedeutendem Umfang betriebenes und zeitweise mit UNESCO Mitteln unterstütztes, nach der Wende auch von Seiten des Bundesministeriums des Innern der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich gefördertes Projekt betroffen ist.

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker fordert daher die Verantwortlichen dringend auf, die eingeschlagene Strategie zu überdenken. Wir können uns nicht vorstellen, dass der Verlag Walter de Gruyter die drohende qualitative Minderung des Projektes AKL oder gar dessen Einstellung bzw. die Reduktion auf ein nur noch online im Abonnement einsehbares, lediglich in geringem Umfang noch wachsendes digitales Auskunftsmedium in Kauf nehmen will.

Wir möchten mit Nachdruck dazu anregen, im Gespräch mit kompetenten Vertreterinnen und Vertretern öffentlicher kunstwissenschaftlicher Institutionen ebenso wie mit  lexikographisch erfahrenen Kolleginnen und Kollegen ein tragfähiges Konzept zu entwickeln, das eine Beteiligung öffentlich finanzierter wissenschaftlicher Institutionen erlauben würde, und wir bieten unsere Hilfe für die Entwicklung einer tragfähigen Lösung des Problems ausdrücklich an.

Prof. Dr. Georg Satzinger
Erster Vorsitzender

 

Prof. Dr. Hubert Locher
Zweiter Vorsitzender